Johanna Grube

Neue Medien – alte Gewohnheiten?

Ein Artikel von Johanna Grube. Sie forscht an der Universität Mainz – auch über die Neural Network Narrative-Form, in der Codonaut produziert und veröffentlicht werden wird. Der Text basiert auf Interviews, die sie mit uns im Oktober 2018 geführt hat.

„Digital ist eine völlig andere Erzählform notwendig“, sagt Journalist Stefan Westphal. Dieser arbeitet zurzeit gemeinsam mit Medienkünstler Florian Thalhofer und Filmemacher Felix Pauschinger zusammen an einer Webdoku. In „Codonaut“ wird es um künstliche Intelligenz gehen.

Immer mehr Zeitungen brechen weg. Immer weniger Menschen sehen noch fern. Und gleichzeitig werden immer mehr Inhalte über das Internet rezipiert. Doch die Darstellungsformen sind häufig noch unverändert. Die Inhalte aus Zeitung und Fernsehen werden einfach auf den jeweiligen Nachrichtenwebsites hochgeladen. Dabei bietet das Internet nahezu grenzenlose Darstellungsmöglichkeiten: Text, Audio und Video könnten kombiniert werden und durch Grafiken oder Animationen unterstützt werden.

Doch schaut man sich im Internet um, bekommt man schnell das Gefühl, dass solche Formatkombinationen noch in ihren Kinderschuhen stecken. Die etablierten Medien wagen immer mal wieder einzelne Projekte. Aber sind die wirklich überzeugend? Wirklich experimentell? Der Journalist Stefan Westphal erzählt, dass er auch von VetreterInnen großer Verlagshäuser hört, das Format „Webdoku“ würde nicht funktionieren. „Dann guckt man sich an, was die dazu produzieren und da würde ich sagen, das ist kein Wunder, dass das nicht funktioniert hat.“

Aber wie kann es funktionieren? Der Medienkünstler Florian Thalhofer ist überzeugt, dass eine nonlineare Erzählweise der Schlüssel ist. Alte Denkmuster werden aufgebrochen, der Nutzer wird gefordert. Vor mehr als 15 Jahren entwickelte er darum Korsakow. Eine Software, die Inhalte flexibel anordnet. Was der Nutzer am Ende anschaut, entscheidet er dabei aber selbst.

Klickt man sich durch ein solches Format, wird schnell deutlich: Die Rezeption erfordert deutlich mehr Konzentration und Durchhaltevermögen. Die Menschen sind daran gewöhnt, dass ihnen alles bis ins kleinste Detail erklärt wird. „Das gilt auch für mich selbst, dass es keine Gewohnheiten dafür gibt, sich Filme in dieser Art anzugucken“, erzählt Felix Pauschinger. Für die Rezeption von Webdokuformaten hingegen, muss man aktiv werden. Man wählt sich die für einen selbst interessanten Teile aus. So entsteht eine für jeden Nutzer andere Reihenfolge. Gegebenenfalls interagiert man auch mit einer Community – für jeden Nutzer ein individuelles Erlebnis.

Mit entspanntem Zurücklehnen und „sich-berieseln-lassen“ hat das nichts zu tun – das soll es aber auch nicht. Durch das Aktivwerden bleiben viel mehr Inhalte hängen und der Rezipient setzt sich auf eine ganz andere Weise mit dem Thema auseinander. Außerdem müssen keine Aspekte aus dramaturgischen Gründen weggelassen werden. So können viel mehr Sichtweisen in der Doku präsentiert werden.

Auf diese Weise Themen aufzubereiten, verändert auch die Arbeit der Autoren. Normalerweise wird ein Film vorher geplant. Beim Dreh müssen dann die Aufnahmen in ein vorher erstelltes „Gerüst gepresst werden“, sagt Stefan Westphal. Bei einem Korsakow-Projekt könne man hingegen einfach anfangen und „Dinge geschehen lassen“. Während des Drehs ist man völlig flexibel. Kommen neue Ideen und Einflüsse hinzu, bereichert es das Projekt. In klassischen Dokuformaten würde die Dramaturgie leiden.

Allerdings: wo keine Dramaturgie ist, leidet auch die Spannung. Bei „Codonaut“ gibt keinen Höhepunkt und kein Schlüsselereignis. Genau hier liegt die Herausforderung in der Rezeption. Laut Florian Thalhofer sei das aber nur eine Gewohnheitssache. Würden wir häufiger mit solchen Formaten in Kontakt kommen, so würden sich auch unsere Rezeptionsgewohnheiten ändern.

Auch wenn Korsakow-Filme neue Gewohnheiten erfordern, das Endprodukt ist in der Nutzung vergleichbar mit Formaten z.B. YouTube. „Weil man dann durchscrollt und irgendwo mal entscheidet anzuhalten“, so Westphal. Korakow-Filme behandeln aber nur ein Thema. Ein bisschen Interesse oder Neugierde für das Thema sollte man also schon haben bei der Rezeption. Dafür werden die Themen so vielseitig und differenziert behandelt, wie kaum in einem anderen Medium möglich.

Und da liegt auch das große Potential: Die Doku will keine bestimmte Botschaft vermitteln und kann durch immer mehr Perspektiven erweitert werden. Der Nutzer kann, darf und soll sich seine eigene Meinung bilden, ohne dass er an die Sichtweise des Autors gebunden ist. So sei laut Thalhofer jedes Thema für einen Korsakow-Film geeignet, „außer man will den Leuten erzählen, wie die Wahrheit funktioniert.“ Der neue Film „Codonaut“ wird also nicht erzählen, dass künstliche Intelligenz gut oder schlecht ist, vielmehr soll er seinen Zuschauern bzw. Nutzern viele neue Blickwinkel eröffnen.