Yasmina Gad

Einfach mal losrennen

Ein Artikel von Yasmina Gad. Sie forscht an der Universität Mainz – auch über die Neural Network Narrative-Form, in der Codonaut produziert und veröffentlicht werden wird. Der Text basiert auf Interviews, die sie mit uns im Oktober 2018 gemacht hat.

Ein Raum. Ein Computer. Eine Kaffeemaschine. Und drei Filmemacher, die mit ihrer Art zu erzählen die Art zu denken verändern möchten. So in etwa könnte man das Projekt „Codonaut“ zusammenfassen, an dem der Medienkünstler Florian Thalhofer, der Journalist Stefan Westphal und der Filmemacher Felix Pauschinger seit Sommer 2018 gemeinsam arbeiten. Die Dreharbeiten sind vorbei, die Postproduktion läuft.

Es geht um Künstliche Intelligenz, darum, wie unsere Zukunft aussehen wird, aussehen könnte, aussehen sollte. Personen aus der Forschung, der IT, der Philosophie, Studentinnen, Professorinnen, Künstlerinnen sollen dabei zu Wort kommen.

Florian, Stefan und Felix wollen die verschiedensten Aspekte zu dem Thema aufzeigen, „alle, die wir haben“. Ganz schön viel für einen Dokumentarfilm. Und das ist genau der Punkt. Denn „Codonaut“ hat keinen Anfang, keine Mitte und kein Ende, keine Geschichte. Es ist kein klassischer Dokumentationsfilm. „Codonaut“ ist ein Korsakow-Projekt, eine Webdoku, die nonlinear und interaktiv funktioniert: Der Anfangspunkt ist festgelegt, danach hat der/die Rezipientin verschiedene Möglichkeiten, den nächsten Inhaltsblock in Form eines Clips auszuwählen und sich somit seinen/ihren eigenen, individuellen Weg durch die komplexe Welt von Künstlicher Intelligenz und dem Leben von morgen zu klicken. Auf diese Weise soll er/sie so viele Perspektiven wie nur möglich erfahren und sich darauf aufbauend eine eigene Meinung bilden – so die Hoffnung der drei „Codonauten“.

Keiner von ihnen verdient bei diesem Projekt Geld. „Codonaut“ ist eine No Budget Produktion -und das bewusst. Die drei wollten nicht den Aufwand betreiben, Geldgeber zu finden, nur, „um dann hinterher zu wenig Geld zu bekommen“. So haben sie den Freiraum, vollkommen nach ihren Vorstellungen zu arbeiten. „Die Entscheidungsprozesse sind viel, viel freier und viel einfacher und schneller“, sagt Felix dazu. Und viel brauchen sie ja ohnehin nicht: „Einen Raum, Computer, eine Kaffeemaschine“, schmunzelt Florian.

Mit diesen Ressourcen bewaffnet starten die drei das Projekt, das vor allem für Stefan, der aus dem klassischen Journalismus kommt, und für Felix, der gerade mit dem Filmstudium fertig ist, eine Reise ins Ungewisse ist. „Ich hatte Probleme mit dieser starren Erzählform, die einem in der Uni und durch die Sehgewohnheiten eingetrichtert wird“, sagt Felix. Und auch Stefan ist der Überzeugung, dass „man im Digitalen völlig anders Journalismus betreiben muss, als das bisher der Fall ist.“

Das Schüren von Angst, das künstliche Erzeugen von Gegensätzen, mit diesen Methoden treiben selbst etablierte Medien ihre Klickzahlen in die Höhe – das sei „gesellschaftsschädlich“, so Stefan. Florian hat bereits eine ganze Reihe von Projekten nach dem von ihm entwickelten Korsakow-Prinzip verwirklicht. Doch durch die Arbeit an „Codonaut“ zusammen mit Stefan und Felix hat er dennoch viel Neues gelernt. „Wir sind unterschiedliche Leute, mit unterschiedlichem Denken, das war eine total gute Erfahrung.“

Wenn man sich zum ersten Mal durch ein Korsakow-Projekt von Florian klickt – „GELD.GR“ oder „PLANET GALATA“ zum Beispiel – kann das schnell verwirrend sein. Beispielsweise möchte man mehr über eine Person wissen, die gerade etwas erzählt hat, es werden jedoch nur Clips über neue Personen vorgeschlagen. Manchmal hat man das Gefühl, man hat zu wenig Hintergrundinformationen, um zu verstehen, was in einem Clip erzählt wird. Und man kann nicht auf „Zurück“ klicken. Also weiter, einfach weiter.

Lineares Sehen und Denken wird einem auf diese Weise bewusst verweigert. Aber auf Pause drücken, das ist möglich. „Das ist ein extrem wichtiges Interaktionselement, dass die Rezeptionsgeschwindigkeit stark personalisiert ist“, sagt Stefan. Die Rezipienten sollen aktiv nachdenken können, anstatt sich berieseln zu lassen.

Aus dem gewohnten linearen Muster auszubrechen, Neues ausprobieren, sich auf dem Sofa aufzusetzen und aktiv verantwortlich sein für die Informationsaufnahme – und das ganz ohne die Verlockung von Spannung. Ob das jedem/jeder Rezipient*in so gefallen wird? Für manche könne das vielleicht zu kompliziert sein und sie klicken weg, gibt Stefan zu.

Dennoch: Die Gesellschaft verändert sich, also muss sich auch die Art, wie wir diskutieren, verändern, sagt Florian. „Wenn meine Meinung eine blöde Idee ist, dann will ich doch gar nicht, dass sie sich durchsetzt. Ich will doch, dass sich die beste Meinung durchsetzt. Und das kann man ja nur erreichen, wenn man zusammen denkt.“ Und eben das wollen die drei Filmemacher mit ihrem multiperspektivischen, nonlinearen Ansatz erreichen.

Nachteil: Viele Menschen werden damit Schwierigkeiten haben. Zu sehr sind wir an Geschichten gewöhnt, zu sehr daran gewöhnt, Spannung zu erleben, als dass wir einfach darauf verzichten können. Damit das Konzept Korsakow für die Masse funktioniert, muss zunächst ein gesamtgesellschaftliches Umdenken stattfinden -darüber, wie wir uns Informationen aneignen, welche Aufgabe die Medien haben, wie gesellschaftlicher Diskurs stattfinden soll. Solch ein Umdenken dauert -vor allem, weil nicht einmal Vertreter etablierter Medien daran glauben, dass es funktionieren kann, kritisiert Stefan: „Die Innovationsfähigkeit der traditionellen Medien ist äußerst begrenzt.“

Aber die Massentauglichkeit zählt für die Codonautler nicht -zumindest noch nicht. „Wenn mir eine Person sagt: Jetzt hab‘ ich aber Künstliche Intelligenz mal richtig verstanden, dann ist es für mich erfolgreich“, sagt Stefan. „Wir wollen nicht 5 Millionen Abrufe in einem Monat. Der Server, wo das draufliegt, der leistet das auch gar nicht. Der bricht wahrscheinlich bei zehn gleichzeitig zusammen.“ Im Moment, so der Journalist, sei die Zeit für den Massenmarkt noch nicht reif.

Trotzdem wünschen sie sich natürlich, dass das Konzept eines Tages im gesellschaftlichen Diskurs eine Rolle spielt, „eigentlich könnten Medienunternehmen danach laufen“, meint Florian. Aber für den Moment ist er glücklich: Er kann die Welt vielleicht nicht heute verändern, aber er kann seine Ideen gemeinsam mit einem Team in Ruhe verwirklichen und so zumindest zeigen, wie es auch anders gehen könnte.

Und außerdem: „Wir denken nicht ans Publikum. Wir machen den Film für uns“, sagt Florian. Für Stefan ist das neu; aus dem klassischen Journalismus ist er gewöhnt, auch stets an die Wirkung auf den Zuschauer zu denken. Das abzulegen, sei nicht einfach. Aber diese Freiheit, keine polarisierende Wirkung konstruieren zu müssen, in keine bestimmte Richtung zu denken, nichts streichen zu müssen sei „ein traumhaftes Arbeiten für den Autor“. Durch die Erzählform konnten sie bei einem so komplexen Thema wie Künstliche Intelligenz frei von Zwängen „einfach mal losrennen“.

Einer dieser Zwänge beim traditionellen Filmemachen sei, so Florian, die Formel „Kill your darlings“: Protagonisten, die der Geschichte nicht dienlich sind, werden gestrichen. Bei Korsakow ist das anders, und das ist für Florian der entscheidende Punkt: „Korsakow erzählt keine Geschichte. Du behältst alle deine Darlings. Es geht um die Darlings und nicht um diese verdammte Geschichte.“

Keine Geschichte, keine konstruierte Spannung, aber alle Darlings und so viele Blickwinkel, wie es nur geht – so soll „Codonaut“ also am Ende aussehen. Florian, Stefan und Felix sind Visionäre, ihrer Zeit womöglich ein bisschen voraus. Aber: „Codonaut“ beschäftigt sich schließlich mit dem, was kommen könnte. Und vielleicht ist Korsakow also wie all die Dinge, von denen „Codonaut“ erzählen wird: Eine Vision der Zukunft.