Yasmina Gad – Wenn ein Algorithmus sich selbst erklärt

Wenn ein Algorithmus sich selbst erklärt

Ein Artikel von Yasmina Gad. Sie forscht an der Universität Mainz – auch über die Neural Network Narrative-Form, in der Codonaut produziert und veröffentlicht werden wird. Der Text basiert auf Interviews, die sie mit Florian Thalhofer, Stefan Westphal und Felix Pauschinger im Sommer 2019 gemacht hat.


Drei Filmemacher beleuchten das Thema Künstliche Intelligenz auf eine völlig neue Weise. Was genau man sich unter „SNU’s“ und „Bird eyes“ vorstellen kann, wie es sich anfühlt, als Autor die Kontrolle abzugeben – und warum sich No Budget manchmal auch lohnt.

Ein Klick. Ein Roboter namens Pepper umarmt eine Studentin. Noch ein Klick, SchwarzWeiß-Bilder flimmern über den Schirm, während eine Off-Stimme über den Akt des Schöpfens philosophiert. Fünf neue Felder zum Klicken – nehmen wir doch den Bürgerrechtsaktivisten, der die Vor- und Nachteile des Autonomen Fahrens abwägt. Nichts Interessantes mehr dabei? Ein Klick links oben aufs „Bird’s Eye“, und man schwebt über Wolken, begleitet von atmosphärischen Klängen, mit unzähligen neuen Auswahlmöglichkeiten.

Das ist „Codonaut“ – das Endresultat eines No-Budget-Projektes der Filmemacher Florian Thalhofer, Stefan Westphal und Felix Pauschinger. Sie wollten das Thema Künstliche Intelligenz aus so vielen Perspektiven wie möglich beleuchten – und schaffen das, indem sie sich selbst einer Künstlichen Intelligenz bedienen. Denn „Codonaut“ basiert auf Algorithmen, die dem/der Nutzer/in neue Sequenzen vorschlagen, die sogenannten „SNU’s“ – Smallest Narrative Units. Diese sind hauptsächlich Interviewclips, in denen Menschen aus allen erdenklichen Bereichen zu Wort kommen – von Student/innen über Wissenschaftler/innen bis hin zu Unternehmer/innen oder Philosoph/innen. Was am Ende herauskommt, ist eine völlig individuelle Erfahrung. Damit die Nutzer/innen sich nicht „verlaufen“, haben die drei außerdem das „Bird’s Eye“ eingebaut: Mit einem Klick kommt man auf die Übersichtsseite, die alle noch nicht angesehenen Sequenzen zeigt – eingebettet in einen Loop, der einem Flug über den Wolken nachempfunden ist. „Das gibt einen Eindruck, wie umfangreich das Ganze ist“, sagt Florian. Er arbeitet seit vielen Jahren mit dieser nonlinearen, interaktiven Erzählweise, dem sogenannten Korsakow-Prinzip. Das „Bird’s Eye“ hat er nun auch in seine alten Projekte eingebaut. Ebenfalls neu ist die Biografie-Funktion, bei der man mehr über eine/n bestimmte/n Interviewpartner/in erfahren kann. „Die Funktion ist tatsächlich früh entstanden, als wir uns gemeinsam alte Korsakow-Werke angeguckt haben und da hatten wir eigentlich alle das Gefühl, dass genau so etwas fehlt“, erklärt Stefan. Auch einen neuen, international zu verstehenden Namen haben die drei für ihre Erzählweise gefunden: Neural Network Narrative. Denn die einzelnen SNU’s funktionieren wie Elemente eines neuronalen Netzwerks, die sich gegenseitig Informationen weitergeben.

Doch nach welchen Kriterien richten sich die Algorithmen? Der Ursprungsgedanke war, die Zusammenhänge über Keywords wie beispielsweise “Autonomes Fahren” zu definieren. „Aber tatsächlich ist es jetzt über Emotionen verknüpft worden“, sagt Stefan. Genauer: Die Verknüpfungen hängen von zwei Kategorien ab. Zum einen, über welche Zeit gesprochen wird – Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft – zum anderen, welche Stimmung der entsprechende Clip transportiert – positiv, neutral, negativ. Dies funktioniere „sehr viel besser“, wie Stefan findet. „Da ist dann etwas total Abwechslungsreiches bei rausgekommen.“ Und für Felix war es eine interessante Erfahrung, während des Schnittes nicht zu wissen, „was für ein Konstrukt ich gerade erschaffe.“

Auch jetzt beim Ansehen ist „Codonaut“ für die Autoren jedes Mal aufs Neue spannend, da durch die Algorithmen immer wieder neue Reihenfolgen entstehen, so Florian. „Ich kenne das Material doch, was ist denn daran so faszinierend? – Es sind eben diese neuen Verbindungen, die man aufgezeigt bekommt. So kann man immer wieder neue Blickwinkel verstehen.“ Das Thema Künstliche Intelligenz eigne sich dabei für diese Erzählform besonders gut. Denn häufig verliert man sich beim Sprechen darüber in Extremen, „nur entweder furchtbar schlimm oder total geil“. Mit „Codonaut“ hingegen können verschiedene Aspekte ohne Wertung aufgezeigt werden. „Man kann natürlich die ganze Zeit extreme Geschichten erzählen – wie schrecklich oder fantastisch etwas ist. Das ist aber keine hilfreiche Strategie um ein klareres Verständnis zu bekommen. Extreme Geschichten verwirren nur.“

Sich dafür als Autor zurücknehmen und in gewisser Weise die Kontrolle abzugeben – das ist es, was dem Journalisten Stefan an der Funktionsweise des „Codonauts“ so gut gefällt. „Das ist eine so angenehme Situation, eigentlich herrlich.“ Sowohl er als auch Felix arbeiten zum ersten Mal mit einer interaktiven, nonlinearen Erzählform wie Korsakow. Dass dabei mit Ausnahme der sogenannten Essay-Stücke, in denen die Autoren über bestimmte Aspekte philosophieren, nur Interviewclips zum Einsatz kommen, fand Felix, der einen filmischen Hintergrund hat, zunächst gewöhnungsbedürftig. „Wenn ich Interviews in Filmen benutzt habe, haben wir trotzdem mit Bildern an irgendeiner Stelle zu tun gehabt. Und das ist jetzt alles immer durch diese ‚Talking Heads‘ visualisiert und nicht durch Bildsprache.“

Gleichzeitig entsteht durch diese Form eine Informationsdichte, die für einen normalen Film „viel zu hoch“ wäre, glaubt Stefan, „das funktioniert so in dieser Dichte nur in Korsakow.“ Denn der/die User/in kann die Rezeptionsgeschwindigkeit selbst bestimmen, jederzeit innehalten und nachdenken. Steigt man ganz aus, kann man beim nächsten Mal an derselben Stelle weitermachen. Außerdem ermöglicht es die offene Erzählform, das Projekt jederzeit um neue Perspektiven zu erweitern und auch interaktiv weiterzuentwickeln. Vor allem bei einem Thema wie Künstliche Intelligenz, zu dem es stets neue Erkenntnisse und Entwicklungen geben wird, ist das immens wichtig. „Künstliche Intelligenz passiert. Es führt kein Weg dran vorbei“, sagt Florian.

Wie „Codonaut“ selbst war auch die Zusammenarbeit der drei im Grunde ein Experiment – ein geglücktes. „Persönlich hat mich das sehr weiter gebracht“, sagt Stefan. „Das war eine unglaublich bereichernde Zeit in jeder Hinsicht.“ Zwar wurde auch „intensiv diskutiert“; dadurch, dass es ein No-Budget-Projekt war, mussten jedoch keine Geldfragen geklärt werden und die drei konnten sich für jeden Aspekt so viel Zeit nehmen, wie sie brauchten. „Wir haben jetzt nicht 12 Monate zusammen in einem Büro gesessen und das hat auch die Beziehung frisch gehalten“, lacht Felix. Außerdem erleichterte das Korsakow-Prinzip die Arbeit merklich: Die Clips mussten inhaltlich nicht aufeinander aufbauen, sondern konnten für sich alleine stehen, sodass jeder „seine eigenen kleinen Inseln“ bearbeiten konnte. „Das entkräftet zum Beispiel Konflikte komplett“, merkt Felix an.

Aus diesem Grund ist mit „Codonaut“ auch noch lange nicht Endstation, so Florian: „Wir haben Lust, das nächste Projekt zu machen.“ Außerdem haben sie die Vorstellung, das Neural Network Narrative auch in anderen Kontexten einzusetzen, beispielsweise in Unternehmen. „Man kann Firmenstrukturen zum Beispiel damit visualisieren, also wie funktionieren die Leute untereinander oder die Aufgabengebiete“, erklärt Felix. Vielleicht können sie eines Tages sogar über No Budget hinaus arbeiten – Florian kann sich gut vorstellen, dass sie irgendwann damit auch Geld verdienen können. Und wenn nicht? „Dann machen wir wieder so ein Projekt.“