Johanna Grube – „Codonaut“ – viel mehr als eine Doku

„Codonaut“ – viel mehr als eine Doku

Ein Gastbeitrag von Johanna Grube. Sie forscht an der Universität Mainz – auch über die Neural Network Narrative-Form, in der Codonaut produziert und veröffentlicht werden wird. Der Text basiert auf Interviews, die sie mit uns im Mai 2019 geführt hat.

Künstliche Intelligenz ist ein umstrittenes und zugleich bewegendes Thema. Es gibt unterschiedliche Meinungen in allen erdenklichen Dimensionen. Ein solches Thema umfassend filmisch darzustellen erscheint zunächst endlos – aber vielleicht darf es das auch sein. Der neueste Korsakow-Film von Medienkünstler Florian Thalhofer, Journalist Stefan Westphal und Filmemacher Felix Pauschinger beschäftigt sich genau damit. Durch seinen unkonventionellen Aufbau schafft es „Codonaut“, verschiedenste Blickwinkel auf Künstliche Intelligenz zu präsentieren und sie den Zuschauern verstehen zu lassen.

Der „Codonaut“ ist eine non-lineare Webdoku mit interaktiven Elementen. Das bedeutet, dass der Zuschauer während der Rezeption aktiv werden muss und die Reihenfolge der Clips selbst bestimmen kann. Nach jedem Filmelement werden eine Reihe neuer Elemente angeboten, zwischen denen der Rezipient wählen kann. Welche genau angezeigt werden, entscheidet zuvor der Algorithmus.

Dieser ist ein wichtiges Element von Korsakow, dem Programm, das Florian Thalhofer schon vor 20 Jahren entwickelt hat und mit dem er bereits einige Projekte realisiert hat. Beim Einpflegen der Clips in das Programm werden verschiedene Keywords, wie Stimmung oder Thema festgelegt. So entstehen die Verbindungen. Die Autoren beeinflussen die Reihenfolge aber nicht wirklich, „weil es zwar sehr simple Regeln sind und sehr einfache Zusammenhänge, aber wenn ich viele Keywords eingebe, wird es schwierig vorauszusagen, welche Verbindungen genau gefunden werden“, erzählt Thalhofer.

Kommt der Zuschauer einmal in den Flow der Rezeption, bemerkt er im besten Fall gar nicht mehr, wie er sich von einer Filmsequenz zur nächsten klickt. Zwar besteht der „Codonaut“ zum größten Teil aus Interviews, es wurden aber auch verschiedene Essaysequenzen eingearbeitet. Diese bieten Abwechslung und geben neue Denkanstöße.

Verliert sich der Zuschauer doch mal im Algorithmus, kommt er über das „Bird‘s Eye“ zu einer Übersicht aller Interviewpartner. Und das sind eine Menge: Von IT-Experten über Philosophen bis hin zu Informatik-Studenten oder Menschen, die den digitalen Wandel erlebt haben. So sieht „Codonaut“ jetzt aus. Doch das Korsakow-System ermöglicht es, auch in Zukunft noch neue Ansichten hinzuzufügen. „Wir hatten die Chance, Material, was an anderer Stelle bei einem normalen oder klassischen Dokumentarfilm rausgefallen wäre, noch benutzen zu können“, erzählt Felix Pauschinger zudem.

Dies ist nur ein Beispiel, wie sich mit der veränderten Rezeption auch die Arbeit in der Produktion ändert, beispielweise bei der Montage. „Wir hatten mehr Erzählstränge und man muss nicht auf die Dramaturgie oder auf eine Spannung achten, was man schon noch mehr braucht in klassischen Dokumentationen“, so Pauschinger.

Nun heißt es aber erst einmal abwarten und Feedback sammeln. Dies fiel bisher positiv aus, man erhofft sich aber weiterhin konstruktive Kritik auf Filmfestivals. Auch bei der weiteren Distribution sind verschiedene Wege geplant: Während der Filmemacher „Codonaut“ auf Filmfestivals einzureichen plant, möchte der Journalist das Projekt bei Journalistenwettbewerben einreichen. Und da zeigt sich wieder, wie unkonventionell das Projekt verschiedene Genre vereint.

Nicht zuletzt bieten sich auch bei der Rezeption verschiedene Varianten. Während die meisten Zuschauer wohl daheim vor dem PC schauen und klicken werden, gab es in Berlin schon eine öffentliche Vorführung, in der eine Person für ein Publikum durch den „Codonaut“ geklickt hat. Aber auch für Museen und Ausstellungen ist das Format geeignet. Das zeigte sich auch schon bei der Release-Party im April. In Zukunft wollen die drei weiterhin zusammen arbeiten. Man darf also auf weitere Korsakow-Projekte Gespannt sein.